
Essling und seine Straßennamen
Ein Beitrag von Gertie Gold.
Während der Beschäftigung mit den Straßennamen in Essling ist mehrfach die Frage aufgetaucht, wann ist die Bezeichnung Straße, Gasse oder Weg korrekt? Gibt es dafür Kriterien? Wenn ja, welche?
Ich muss gleich vorausschicken, dass das Thema recht komplex ist und eine Annäherung aus verschiedenen Richtungen möglich, ja nützlich bzw. notwendig ist. So muss unterschieden werden, ob man die gegenwärtige Situation oder jene der der Vergangenheit betrachtet. Allerdings ist eine scharfe Trennung nicht möglich, denn aktuelle Verkehrsflächen haben oft ihren Ursprung in der Geschichte. Zudem muss die Siedlungsgeschichte berücksichtigt werden. Wie ist die entsprechende Siedlung entstanden? Am Fuße eines Berges? Am Ufer eines Gewässers? Rund um ein Schloss oder eine Kirche? Oder wie viele Ortschaften rund um das mittelalterliche Wien? Ein paar Häuser, die man entlang einer bereits vorhandenen Straße errichtet hat?
Essling ist ein sogenanntes Straßendorf, da Häuser zunächst nur entlang der (Haupt)Straße errichtet worden sind. Hinter den Häusern erstreckten sich schmale Gärten und Felder. Eine „zweite Reihe“ gab es lange nicht. Groß-Enzersdorf, wenn man in unmittelbarer Nähe bleiben will) weist als Stadtmauerstadt einen kompakten flächigen Grundriss auf. Ein kleiner Exkurs auf die Entstehungsgeschichte des Wortes Straße: Es geht auf das althochdeutsche Wort „strazza“ zurück, das seinen Ursprung im lateinischen „(via) strata“ hat. Die via strata bezeichnet einen gepflasterten Weg, der Ortschaften verbindet. Der ursprüngliche Zwecke waren einerseits schnelle Truppenverlegungen sowie Warentransporte. Zwar konnten Fußsoldaten und Kavallerie querfeldein über unebenes Gelände marschieren bzw. reiten, aber alles was Räder hat, wie Versorgungskarren oder Belagerungsgerät braucht - genau - Straßen. Solche als „Römerstraßen“ bezeichnete Überreste findet man überall. Zahlreiche moderne Straßen haben eine Römerstraße als richtungsweisende Grundlage.
Apropos Richtung! Schon die Römersiedlungen, die nach einem bestimmten Schema im ganzen Imperium Romanum errichtet worden sind, haben (Hauptverkehrs)Straßen von Norden nach Süden bzw. Westen nach Osten. Natürlich immer abhängig vom natürlichen Gelände. Die ideale Römerstadt ist ein Quadrat, das durch die beiden Hauptstraßen, die normal aufeinander zulaufen und sich häufig auf einem Platz kreuzen, in vier Viertel teilen. Innerhalb dieser Viertel gibt es schmale Gassen, oftmals nur mit Holzbohlen oder gar nicht befestigt sind. Außerhalb des durch Palisaden geschützten Geviertes gibt es neben den Hauptstraßen nur noch Wege, die oft schwer zu finden sind.
Zurück zur Straßenbezeichnung VON - NACH: Wenn man von Aspern kommend nach Essling wandert, radelt oder fährt, heißt die als Bundesstraße B3 ausgewiesene Verkehrsfläche „Groß-Enzersdorferstraße“, weil sie nach Groß-Enzersdorf führt. Essling liegt eben dazwischen, weshalb sie ab der Katastralgemeindegrenze Aspern/Essling (bei der Lannesstraße, die je zur Hälfte in Aspern bzw. Essling liegt) „Esslinger Hauptstraße“, ursprünglich nur Hauptstraße, heißt. Da es die Bezeichnung „Hauptstraße“ zu Hunderten gibt, muss sie durch die Beifügung des Ortes näher bezeichnet werden. Die Straße führt auf direktem und fast schnurgeradem Weg nach Groß-Enzersdorf. Dass die Esslinger Hauptstraße die Bezeichnung Straße verdient, wird wohl kaum jemand abstreiten. Sie hat alles, was eine Straße nach Definition der Verkehrsplaner, Straßenbauer und Straßenverwalter hat: Eine Mindestbreite für zwei Fahrtrichtungen, einen Aufbau lege artis des Straßenbaues mit einer Oberbau mit Deckschicht und Unterbau (Tragschicht etc.), Einbauten (Kanal, Wasser, Gas, elektrischen Leitungen etc.) sowie eine klare Abgrenzung zwischen Fahrbahn, Parkplatz, Gehsteig und zum Leidwesen aller Verkehrsteilnehmer jede Menge Verkehrsaufkommen.
Nicht ganz so eindeutig ist die Bezeichnung so mancher anderer Verkehrsfläche. Der Aufbau ist der gleiche, allerdings ist die Abgrenzung zu benachbarten Grundstücke nur das Bankett, weil Gehsteige fehlen. Es gibt zahlreiche als Straßen bezeichnete Verkehrsflächen, die sich eher mickrig präsentieren. Die Illnerstraße zum Beispiel, kurz und ohne durchgehenden Gehsteig, säumen nur wenige Häuser die Straße. Ein interessantes Beispiel ist auch der Telephonweg, der nicht nur eine erkleckliche Länge aufweist, sondern als häufig befahrene Verkehrsfläche, die die Ostbahngeleise überquert, zwei wichtige Straßen (Esslinger Hauptstraße und Breitenleer Straße) verbindet, aber über keinen Gehsteig verfügt. Nur unmittelbar bei der Kreuzung mit der Esslinger Hauptstraße bzw. am nördlichen Ende bei der Breitenleer Straße sind Gehsteige errichtet. Ursprünglich ist er wohl nicht für den öffentlichen Verkehr, sondern nur als Zufahrt für die Bauern und Gärtner zu ihren Feldern konzipiert gewesen. Auch heute weisen Wege, wie der Grosserweg, nur eine geringe Breite auf und sind für den Autoverkehr (Einsatzfahrzeuge ausgenommen) nicht zugelassen.
In Essling gibt es nur zwei Plätze - den Kaschauerplatz und den Schönthanplatz. Beide nicht wirklich imposant. Wäre interessant, was die Stadtplaner mit den Flächen vorgehabt hätten.
Alt und neue Flächenwidmungspläne können Aufschluss über die Konzepte der Stadtplaner geben. Eine ebenso lohnende Aufgabe wäre es, alte und neue Katasterpläne in Zyklen von etwa 20 Jahren zu durchforsten, um herauszufinden, welche Änderungen stattgefunden haben.
Eine kleine Statistik wie Straßen, Gassen, Wege, Plätze und sonstige Verkehrsflächen in Essling verteilt sind:
Straßen = 26
Gassen = 104
Wege = 19
Plätze = 2
sonstige = 6
Die geringe Anzahl der Straßen deutet schon auf den dörflichen Charakter Esslings hin.
Zusammenfassend kann die Frage nach Kriterien, wann eine Verkehrsfläche als Straße, Gasse oder Weg gilt, nicht eindeutig und erschöpfend beantwortet werden. Kaum lassen sich Gemeinsamkeiten und mögliche Faktoren für eine Regel erkennen, wird dies durch eine Ausnahme zunichte gemacht. Eines ist fix: Ausnahmen bestätigen auch nicht aufgestellte Regeln. Damit schließt sich der Kreis zu meinem Blogbeitrag zur Namensgebung der Straßen/Gassen/Wege vom 02.12.2025.
Dass den ohnehin wenigen Frauen keine einzige Straße, sondern nur Gassen und Wege gewidmet sind, ist bedauerlich. Diesen Frauen erweisen wir am Internationalen Frauentag 2026, dem 8. März, in Fredis Café unsere Referenz. Siehe dazu: Lesung am Internationalen Frauentag
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